Geschichte wiederholt sich!  Seit Jahrtausenden!

Überlegungen anhand einer biblischen Geschichte, über den Propheten Amos.

Zunächst ein paar Hintergrundinformationen zu Amos, Der Prophet Amos stammt aus dem kleinen Ort Tekoa, 11 km südöstlich von Bethlehem. Gott beruft Amos um das Jahr 750 vor unserer Zeitrechnung. Von Haus aus ist Amos nicht Prophet, sondern Bauer. Zur Zeit des Amos erlebt das Nordreich Israel so etwas wie ein Wirtschaftswunder: Nie zuvor wurde so viel verdient - nie zuvor gab es aber auch so viel Armut im Land. Manche Familien sind so hoch verschuldet, dass sie sogar ihre Kinder als Sklaven verpfänden müssen.

In dieser Situation beruft Gott den Propheten Amos, weg von Haus und Hof. Und Amos folgt Gottes Ruf. Er geht bis ins Heiligtum nach Bethel. Dort wird im Tempel ein festlicher Gottesdienst gefeiert. Zur Ehre Gottes werden auf dem Altar Tieropfer dargebracht. Untermalt wird die Zeremonie von schönen Gesängen des Tempelchores, die von kunstvollen Harfenspielern begleitet werden. Mitten in die würdevolle Zeremonie hinein platzt ein Störer. Es ist der Viehhirte Amos, der beansprucht, im Namen Gottes zu sprechen. Er schleudert den Feiernden im Tempel Gottes Botschaft ins Gesicht – ein Auszug aus dem Kapitel 5, die Verse 21-24: „21 Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. 22 Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speiseopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. 23 Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! 24 Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Seine harten Gerichtsworte gegen die Reichen und gegen einen falschen Tempelkult bringen Amos in Schwierigkeiten. Die Sache kommt bis vor den König von Israel. Der Oberpriester Amazia – er steht beim König von Israel in Lohn und Brot - sorgt dafür, dass Amos Redeverbot erhält und das Land verlassen muss.  Amos beugt sich der Gewalt, doch seine Worte sind bis heute nicht vergessen und mahnen uns bis zum heutigen Tag.

Stellen Sie sich vordieser Amos, käme bei einem Gottesdienst in die Kirche gestürmt und würde herumschreien: „So spricht der Herr: Ich verachte Eure Gottesdienste, und die frommen Sprüche des Pfarrers kann ich schon gar nicht hören! Und Ihr alle, was sitzt Ihr da in dem warmen Raum herum und hört Euch erbauliche Predigten an? Kümmert Euch lieber um die, die von allen übersehen werden und durchs Raster fallen: Alleinerziehende, Hartz-IV-Empfänger und Flaschensammler, die nicht wissen, wie sie diesen Monat über die Runden kommen sollen! Ladet sie zum Essen ein, teilt mit ihnen Euren Sonntagsbraten, und bezahlt dem Kind der alleinerziehenden Mutter die Klassenfahrt!“

Oder stellen Sie sich vor, Amos würde mitten in eine Abendmahlsfeier hereinplatzen und rufen: „So spricht der Herr: Ich habe keinen Gefallen an Euren hochliturgischen Mahlfeiern! Ich kann es nicht mehr sehen, wie Ihr Brot und Wein unter Euch kreisen lasst. Ist ja schön, dass Ihr daran denkt, wie Jesus sich für Euch geopfert hat. Aber denkt Ihr auch an die anderen Opfer, die auf der Strecke bleiben? An die Obdachlosen, die in der Winterkälte frieren, oder an die Flüchtlinge, die ihr jämmerlich ertrinken lasst oder die ihr in überfüllten und menschenunwürdigen den Behelfsunterkünften hausen lasst. Was tut Ihr für sie?“

Ich schätze, die Betroffenen wären ziemlich verdutzt und vor den Kopf gestoßen. Und würden laut oder leise sagen: „Aber wir kommen doch in die Kirche, weil wir von Herzen Gott loben und zu ihm beten wollen! Wir wollen ernsthaft auf Gottes Wort hören, um zu erfahren, wie wir nach Gottes Willen leben können!“ So wie es uns ergehen würde, erging es vermutlich auch den Menschen damals, die zum Gottesdienst ins Heiligtum kamen und von Amos dabei aufgeschreckt wurden. Sie fühlten sich als rechtschaffene Bürger, die den Gott Israels recht verehren wollten. Das kann doch nicht sein, dachten sie sich: Das, wofür wir alle Kräfte einsetzen und keine Kosten scheuen, trifft auf die Verachtung durch den, für den man das Ganze veranstaltet: Der Gottesdienst wird von Gott verschmäht, d.h. auch alle Feiertage und heiligen Versammlungen sind Gott ein Gräuel. Aber warum?

Es ging den Menschen damals gut. Die Zeit, in der Amos auftrat, war die vierzigjährige Regentschaft von König Jerobeam II. Es war eine Zeit politischer Stabilität, in der Israel Ruhe vor seinen Feinden hatte. Es war eine Zeit wirtschaftlicher Blüte, in der viele zu großem Wohlstand kamen. Doch dieser wirtschaftliche Aufschwung hatte auch seine Kehrseite: Die sozialen Gegensätze nahmen stark zu. Reiche kauften Grundstücke auf und verjagten die Armen aus ihren Häusern - oder sie nahmen hohe Abgaben von ihnen. Vor Gericht war Bestechung an der Tagesordnung - diejenigen, die es sich leisten konnten, setzten rücksichtslos ihre Interessen durch. Und dann gingen sie in den Tempel, stifteten ein großzügiges Opfer und erbaten den Segen Gottes für ihre Geschäfte und Machenschaften.

Da schreit Amos: „Halt! So einfach geht es nicht, dass Ihr Eurem angebrannten Braten aus Machtstreben, Ausbeutung und Rechtsbeugung hier im Tempel noch die fromme Soße übergießen wollt! Davon will Gott nichts sehen und hören! Eure Opfer, Gebete und Gesänge erreichen Gott nicht mehr!“ Der Grund für diesen wirkungslosen Gottesdienst sind die Opfernden.

Den Opfernden im Tempel geht es einzig um persönlichen Machterhalt, Gewinnmaximierung und ungestörten Luxus. So opfern sie zwar im Tempel, übersehen aber die durch ihr Alltagsverhalten auf der Strecke gebliebenen »Opfer«, die geradezu widergöttlich sind: Menschen aus Fleisch und Blut wie sie, deren Armut und Schwäche als Gelegenheit zu Ausbeutung und Unterdrückung, nicht aber als Anlass zur Hilfe gesehen wird. Wo angesichts solcher Rücksichtslosigkeit Alltagsverhalten und Gottesdienst in zwei unvereinbare Welten aus einander fallen, der Gottesdienst vielleicht nur verdecken soll, was andernorts geschieht, da ist er für Gott unannehmbar und bewirkt nichts.

Und wir? Sind wir besser? Steht bei uns der Gottesdienst im Gegensatz zum Leben im Alltag? Was ist unsere oberste Priorität im Leben? Befolgen wir Gottes Willen in Wort und Tat? Im Gottesdienst kann man sich selbst suchen, aber darauf kommt es nicht an, sondern auch im Alltag sollen wir lebendige Glieder der christlichen Kirche sein.

Die Worte von Amos wollen zum rechten Gottesdienst führen, der auch das ganze Leben umfasst. Ziel ist die Umkehr zum Leben. Wir können uns fragen, war der Gottesdienst nur Sammlung oder diente er auch der Sendung, zum Dienst für Menschen und für die Schöpfung, führt er uns neu in die Welt hinaus?

Klaus Nagorni hat eine “Kleine Selbsterforschung“ geschrieben:

Auf welchen Schultern stehst du?

In wessen Spuren gehst du?

Mit welchen Augen siehst du?

In welchen Büchern liest du?

Mit welchem Segen lebst du?

An welchen Plänen webst du?

An welchen Orten weilst du?

Und wessen Leben teilst du?

Noch ein weiterer Aspekt. Amos fordert: Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Ist das Recht verschüttet so bleibt die Gerechtigkeit auf der Strecke. Amos vergleicht das Recht mit Wasser und die Gerechtigkeit mit einem beständigen Bach, der nie versiegt. Wasser ist lebensnotwendig, ohne Wasser ist kein Leben möglich. So wie wir Menschen Wasser brauchen, so brauchen wir auch das Recht.

Das Recht ist da, Gott hat es aufgestellt. Wir Menschen dürfen es nicht beugen und nicht verschütten. Die Antwort der Menschen auf das von Gott aufgestellte Recht ist die ausgeübte Gerechtigkeit. Sie soll sprudeln wie ein nie versiegender Bach, der das Gedeihen der Vegetation gewährleistet, weil er auch in der Trockenheit der Sommer nicht versickert. Einen solchen Quell der Gerechtigkeit braucht die Gemeinschaft der Menschen, unsere „Eine Welt“.

Die Umsetzung des Rechts, die Gerechtigkeit, ist das Lebenswasser, ohne das eine Gemeinschaft keine Zukunft hat. In einer Gemeinschaft, in der jeder Einzelne das Gute liebt und das Böse hasst, wird sich das Recht wie Wasser ergießen. Es dabei um die Menschlichkeit, um die Hingabe an den Mitmenschen.

Ohne die Überwindung des Egoismus und ohne dem Mitmenschen zu seinen legitimen Ansprüchen zu helfen, entsteht keine Gerechtigkeit. Hier beginnt für Christen der Gottesdienst im Alltag. Gott will Recht: Nachdem Gott Israel aus Ägypten geführt hatte, gab er ihnen die Zehn Gebote. Nicht, um sein Volk zu gängeln. Sondern Gottes Gebote waren gedacht als Spielregeln der Freiheit damit die Freiheit eine Freiheit für alle bleibt. Die zehn Gebote, ein Angebot von Gott: So kann Leben gelingen. Gebote wie "Du sollst nicht töten", "Du sollst nicht ehebrechen" und "Du sollst nicht stehlen" dienen genau diesem Ziel. Das göttliche Recht, das sich in diesen Geboten äußert, soll Freiheit und ein friedliches Miteinander ermöglichen.

Wenn Menschen im Gottesdienst Gottes Willen hören, soll sie das dazu anspornen, im alltäglichen Miteinander Recht und Gerechtigkeit aufzurichten. So entsteht aus dem Gottesdienst gelebter Glaube im Alltag. Es ist entscheidend im Gottesdienst genau auf die Worte von Jesus zu hören – zum Beispiel das Gleichnis des barmherzigen Samariters. Und dann im Alltag genau hinzuschauen, wo jemand unter die Räuber gefallen ist und unsere Hilfe braucht.

Dann besteht kein Gegensatz zwischen Gottesdienst und Alltag, sondern aus dem Gottesdienst wird gelebter Glaube im Alltag.

Das gilt nicht nur für Christen, sondern im Wesen nach für alle Menschen, auch unabhängig von einer Konfession: Im Alltag genau hinschauen, wo jemand unserer Hilfe braucht. Dazu bedarf es nur eines mitfühlenden Herzen, eben gelebte Menschlichkeit.

 

Rüdiger Schaller, 30. Januar 2020

p.s.: Den Auftritt von Amos, den könnte man sich heute auch in den modernen Kathedralen der Finanzindustrie, bei in Elfenbeintürmen sich feiernden Politikern und gierigen Lobbyistentreffen denken.

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