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Kategorie: Blog
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Mitgefühl

 

Mitgefühl – was ist überhaupt Mitgefühl? Etwas wohl jenseits abwehrender Worte „Ich fühle mit Dir“, die so schnell gesprochen sind. Damit wir unsere Ruhe haben und uns nicht mit uns selbst beschäftigen müssen. Ich schätze jenseits dieser Worte, jenseits unserer Abwehrmechanismen, da ist Mitgefühl möglich. Eine erste Annäherung:

Vor vielen Jahren, eine Reise nach Auschwitz. Neben vielen Erfahrungen dort, die ich in meinem Buch „In die Stille“ niedergeschrieben habe, bewegt mich heute im Blick auf die Tugend des Mitgefühls ein Aspekt: Ich empfand eine tiefe Empathie mit den Opfern. Ihr Schicksal, ihr Lied rührten mich zu Tränen. Im Lauf der Jahre erkannte ich, dass ich in dem Leid der anderen Menschen mein eigenes Leid, das ich verdrängt hatte, gesehen hatte. So blieb ich hinter meinen Abwehrmechanismen alleine. Wo hin mit meinen Sehnsüchten, meinen Ängsten? Mehr und mehr wird mir klar: Wir tragen als Menschen im Grunde alle die gleichen Sehnsüchte, Wünsche, Träume aber auch Ängste in uns.

Jenseits der Auf- und Abwertungen und unterschwelligen Verurteilungen, hinter unseren Abwehrmechanismen, da sind wir alle gleich. Dort gibt es einen Raum, aus dem tiefes Mitgefühl geboren werden kann. Das geht nur, wenn man dem Mitmenschen quasi auf Augenhöhe begegnet. Das führt auch zur Heilung von Verletzungen; alles in seiner Zeit. Wachsende Achtsamkeit, gerade für mich und meine Prägungen, meine Muster der Abwehr, führt zu größerer Weisheit in mir und innerem Frieden. Das ist wahrhafte Verantwortungsübernahme. Im Mitgefühl, da stecke ich nicht im Leiden fest, da kann etwas geschehen, was im Christentum das „bergendes Erbarmen“ genannt wird. Ich nehme Teil an meinem Gegenüber, teile seine Sorgen und habe den Impuls, ihn zu fördern. Diesen Menschen dann dabei begleiten, Schritte aus dem Leiden zu gehen. Das fördert und stärkt das Leben.

Ein Beispiel aus eigenem Erleben. Letzte Woche beim Warten auf die Öffnung des Kiesertrainings; ich war etwas zu früh da. Gedankenverloren warte ich. Ein Mann kommt auf mich zu. In Bruchteilen von Sekunden verurteile ich ihn. Mir schießt der Gedanke durch den Kopf: „Wir verhärtete ist der denn…“ Sofort erkenne ich das Muster. Abwehr meiner eigenen Verhärtung, die ich nicht sehen will. Sofort musste ich wieder an die Vorwoche, an das Thema „Vergebung“ denken. Und an meinen Entschluss: Ich führe keine Stellvertreterkriege mehr. Ich trete raus aus den Prägungen, die über undenkbar lange Zeit von Generation zu Generation weitergetragen wurden. In diesem Moment fällt meine innere Mauer; es ist, als ob ein Schleifer vor meiner Wahrnehmung weggezogen wurde: Ich kann mit diesem Mann zutiefst mitfühlen. Wir hatten uns nach der Öffnung aus den Augen verloren. Doch es bleibt spannend, wie eng die Tugend der „Vergebung“ mit der Tugend des „Mitgefühls“ zusammenhängen.

Ich freute mich wie Bolle über die Auflösung meines alten Musters in der Situation. Es ist schier unglaublich, diese Erfahrung. In dem Kontakt zu dem Mann war ich nicht niedergedrückt von meiner eigenen Ohnmacht. Ich war für einen Moment völlig wach und Achtsam. Völlig Präsent.

Was für ein Potential in der Tugend Mitgefühl steckt! Mitgefühl gelebt führt zu glücklicherem Leben. Ein Vorgeschmack auf das, was möglich ist. Ich freue mich auf die nächsten Schritte. Eins steht für mich fest. Mitgefühl zu leben ist auch einer Stärke! Denn es erfordert Mut und Stärke, den eigenen Schmerz anzusehen. Dabei auch sich selbst zu Vergeben über bislang ungelebtes Leben, über eigene Fehler und Irrtümer im Laufe vieler Jahre. Das heilt innere Wunden in ihrer Zeit, darüber verändert sich auch das eigene Erleben. Altes verblasst, Neues lugt schon um die Ecke.

Ein tiefer Atemzug durchströmt mich. Ich komme zurück aus meinen Gedanken; ins „Hier und Jetzt“. Viel wertvolle Impulse habe ich die Tage mitgenommen, tägliches Üben ist in der Gruppe angesagt – alleine wegen Corona – doch verbunden im Üben und im gemeinsamen Austausch; Sonntags.

Beim Üben, da passierte etwas völlig Überraschendes, nicht auszudenken oder zu planen. Die abendliche Übung verlief unspektakulär; wie die Übungen der Tage zuvor. Nur etwas sperrig, im Rücken verzogen. Stille Meditation, untermahlt von sanfter Musik. Irgendetwas berührt mich bei den Gedanken, dass andere Menschen auch viel Leid erfahren haben. Wie ich. Und in dem Moment, an dem die Zeit der Meditation vorbei war, überfielt mich eine abgrundtiefe, bodenlose Müdigkeit. Keine Erschöpfung, sondern eine bodenlose Müdigkeit. Ich gehe sofort zu Bett und schlafe traumlos und lange. Am nächsten Morgen taucht wie ein Blitz in meinem Bewusstsein die Erkenntnis auf: Ich bin nicht alleine in meinem Schmerz. Es ist, als ob eine weitere Mauer der Trennung von anderen Menschen fällt. Diese Erkenntnis verdichtet alles, was ich auf meinem Lebensweg bisher, der mich auch bis nach Auschwitz geführt hatte, genau auf diesen Aspekt: Irgendein Anteil meines Wesens war seit über 60 Jahren wach, hellwach. Immer alle Antennen auf die latente Bedrohung. Geboren war dieser Anteil aus einem frühkindlichen Trauma; im ersten Lebensjahr. Nun zieht Entspannung, Leichtigkeit und Lebensfreude in mein Leben ein; in einer bisher nicht gekannten Qualität.

Mitgefühl entsteht aus unserem eigenen Leiden. Wenn wir unser eigenes Leid erkennen und annehmen. Uns auf diesem Weg mit unseren Ängsten und Widerständen konfrontieren. Darüber verstricken wir uns dann nicht mehr in unseren eigenen Befindlichkeiten. Was ist darüber spüre, eher noch erahne, ist meine Sehnsucht, nach Verbundenheit, nach Überwindung des Gefühls der Trennung. Ich bin gespannt, wie es sich anfühlen wird, wenn mein Herz von der Angst befreit ist.

Meine Vorfreude auf die nächsten 7 Wochen und die nächsten 7 Tugenden wächst. Welche Bereichungen werden sie bringen? Es ist für mich wie eine Entwicklungsreise, geführt von Dr. Katja.

Ich berichte!

 

 APPLIEDCOREVALUES®  all together for everyone“  Dr. Katja Held

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Rüdiger Schaller, 01.11.2020

Autor des Buches: "In die Stille"

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