Der innere Kompass

Wer sorgt sich heute noch um sein Seelenheil? Alles ist doch erlaubt, nicht wahr? Gerechtigkeit? Diese Frage stellt sich kaum noch, so viele erhöhen sich selbst über Recht, Gesetz und Regeln – wobei diese doch das Gemeinschaft schützen. Aber der Ungeist, dieses Mal in der Verkleidung der NeoCons, Querdenker und anderer Ausprägungen, er zerfrisst die Gesellschaft von innen heraus. Schutzräume, in denen Leben gelingen kann, werden zerstört. Der Stärker frisst den Schwächeren, bis er selbst an der Reihe ist. Eine unheile Welt.

Wie kann in so einem Umfeld Leben gelingen? Wo ist ein Wegweiser zu gelingendem Leben? Es gelingt, wenn man aus dem Pol der Liebe heraus lebt. Es gibt nur die Pole der Angst und der Liebe in dieser Welt. Zwischen diesen Polen bewegt sich unser Leben, in vielen Zwischenschichten. Diese Schichten sind geboren aus unserer individuellen Prägung und der kollektiven Prägung der Gesellschaft.

Doch woran können wir in einem ersten Schritt unseren inneren Kompass ausrichten? Auf der Suche nach einem festen Grund, der über die Zeiten trägt. Eine Möglichkeit: Mit einem Blick in Kinderaugen. Geboren aus dem unsagbar Schönen. Rein, klar und voller Liebe. Noch verbunden mit der Einheit, die alles umfängt und in sich birgt.

Doch die Realität:

Das Fundament des Wohlstandes der westlichen Gesellschaft ruht, vor Jahrhunderten begonnen und immer gewalttätiger manifestiert, in der Ausbeutung ganzer Länder, ja ganzer Kontinente. Was zeigt der Blick in die Welt? Kriege aus Machtstreben geboren, Kampf um Rohstoffe. Hass, Mordanschläge und Gewalt in allen Formen. Ein Blick in Kinderaugen heute: Wir begegnen Kindern, deren Augen schon ihren Glanz verloren haben durch das Leid, dass ihnen viel zu früh zugefügt wurde. Kindern in Kriegsgebieten, orientierungslos, früh verwaist und verschreckt. Kindern, die als Soldaten oder billige Arbeitskräfte missbraucht werden; ihrer Kindheit beraubt. Kindern, die für die verirrten Triebe von Erwachsenen herhalten müssen und ihr Leben lang davon gezeichnet sind. Kindern, die auf der Flucht im Mittelmeer ertrinken, Kindern in Flüchtlingslagern in menschenunwürdigen Zuständen haußen; ohne Perspektive. Es gibt dort schon Selbstmode von Kindern.

Wie beruhigen wir bei diesem Blick in die Welt unser Gewissen?

Das Gewissen ist eine instabile Instanz, dass unseren Selbstwert stabilisiert. Ein kleines Beispiel: Eine Begebenheit vor dem Lockdown auf dem Heimweg; Feierabend: Das „Rot“ der Fußgängerampel leuchtet hell – abrupter Stopp. Doch meine Bahn fährt gleich. Ein schneller Blick: Keine Kinder, dann doch in einer Verkehrslücke schnell über die Straße hasten. Gut, keine Kinder, das beruhigt das Gewissen. So gesehen ist das Gewissen keine stabile Instanz. Nur unser Selbstwert wird stabilisiert. An selbst gesetzten und situativ veränderbaren Maßstäben.

Wie beruhigen wir unser Gewissen beim Blick in die Kinderaugen in den Lagern, und in die Augen der Kinder, die in den Kobaldminen, die für unsere E-Mobilität schuften?

Nochmals, das Gewissen ist keine stabile Instanz. Es steht zwischen den Polen von Angst und Liebe. Da gibt es in jeder Richtung etliche Schichten, die uns von diesen Polen fern halten aus Schutz von uns selbst. Früh erlernt und manifestiert.

Der innere Kompass. Mir als Christ hilft die Frage: Wie erlange ich Gerechtigkeit vor Gott? Wie komme ich in einen Status, der mir ewiges Leben bringt?

Ein Blick auf Jesus: Er hat diese Welt überwunden, die Angst überwunden. Jesus ist der Pol der Liebe. Wie sehr traue ich mich, dass ich mich mehr und mehr dem Pol dieser Liebe nähere und aus ihm heraus agiere? Bei dieser Annäherung erwächst aus dem Glauben auch entsprechendes Handeln. Ein Handeln, dass die Gemeinschaft fördert. Jesus immer ähnlicher werden, das ist das Ziel. Hierbei gilt: Dieses Streben ist es, was unseren Glauben als lebendig ausweist. Und: Kein Mensch kann den Glauben eines anderen an dessen Werken beurteilen. Richten wird Gott. Trotzdem dürfen wir uns gerne selbst hinterfragen, wie es gerade in unserem Leben mit Werken aussieht.

Wenn es in meinem Leben Bereiche gibt, die nicht mit den Wünschen Jesu übereinzubringen sind, ist das nicht ein Zeichen dafür, dass mein Glaube tot ist. Perfektion wird es erst im Himmel geben.

Die Ausrichtung des inneren Kompasses: Die Liebe. Die Entscheidung, auf was ich meinen Kompass ausrichte, die liegt in meine Verantwortung, sie liegt ganz bei mir. Das ist wohlverstandene Freiheit.

Rüdiger Schaller, 03.08.2021

Autor des Buches: "In die Stille"

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