Es war einmal eine Zeit

ACHTUNG: Der folgende Text ist nicht für Menschen unter 18 Jahre geeignet!

Diesen Warnhinweis kennen wir so ähnlich aus dem Fernsehen – jetzt wird es gruselig, Angst und Schrecken breiten sich aus. Und schon der Blick in den Nachrichten kann uns heute erschrecken. Eiskalte Morde – zum Beispiel in Afghanistan. Hinrichtungen. Köpfe rollen. Und jüngst wieder Morde in Norwegen.

Doch Köpfe rollen auch in Blockbustern wie im „Herr der Ringe“. Meist trifft es die Bösen, denn das Gute muss siegen, sonst fühlen wir uns nicht wohl.

Immer stärkere Bilder werden in den öffentlichen Medien zur Meinungsmache produziert. Schnelle Reflexe sobald ein Muslim beteiligt ist: Der Islam – das ist die Gefahr! So tönt es laut. Ich kenne den Islam nicht und kann das nicht beurteilen. Ich kenne einige Muslime persönlich. Herzensgute Menschen, liebevoll, stolz und aufrecht. Vielleicht sind die Täter wie in Norwegen – ein nach der aktuellen Faktenlage zum Islam konvertierter Mensch - nur ein Wahnsinniger, geistig gestört? An dieser Stelle nur ein kurzer Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus: Offenbar ganz normale Familienväter mordeten ganz systematisch in unvorstellbaren Dimensionen.

Eine andere Erklärungsansatz: Vielleicht sind es ja die Religionen?

Ein Blick auf das Christentum – Anfang der neunziger Jahre: In Amerika triumphierte der Bibel-Belt: Uns ist in dem amerikanischen Präsidenten ein von Gott in der Krise geschickter Führer gesendet worden der uns in den Krieg führt. So sagten es Menschen in Amerika damals. Und in diesem völkerrechtswidrigen Krieg, der auf Basis von Lügen inszeniert wurde, da ging es vorgeblich nur um das Gute. Das Gute, das gegen das Böse siegen muss. Das Ergebnis, ist bekannt: Der Versuch, den Irak gewaltsam zu demokratisieren, hat ihn ruiniert. Ebenso ist das versprochene Nationbuilding in Afghanistan gescheitert, kläglich gescheitert.

Verkürzt gesagt: Wer Wind säht, der wird IS und Taliban ernten.

Es war einmal eine Zeit!

In dieser Zeit, da wurden Tugenden wie Demut, Hingabe und Mitgefühl gelebt. Geboren aus Liebe. Nein, die Qualität der Liebe die ich meine, hat eine andere Qualität als „Bauer sucht Nackedei“. Leben konnte in gut geschütztem Rahmen gelingen.

Verlorenes Paradies?

Es war einmal eine Zeit.

Ein kurzer Stopp mit Blick auf das Paradies: Mitgefühl? Im Herzen berühren lassen und entsprechend Handeln? Dazu ein Blick in die Welt: Kriege aus Machtstreben geboren, Kampf um Rohstoffe. Hass, Mordanschläge und Gewalt in allen Formen. Durchziehen unsere Welt

Mitgefühl?

Ein Blick in Kinderaugen: Wir begegnen Kindern, deren Augen schon ihren Glanz verloren haben durch das Leid, dass ihnen viel zu früh zugefügt wurde. Kindern in Kriegsgebieten, orientierungslos, früh verwaist und verschreckt. Kindern, die als Soldaten oder billige Arbeitskräfte missbraucht werden; ihrer Kindheit beraubt. Kindern, die für die verirrten Triebe von Erwachsenen herhalten müssen und ihr Leben lang davon gezeichnet sind. Kindern, die auf der Flucht im Mittelmeer ertrinken, Kindern in Flüchtlingslagern in menschenunwürdigen Zuständen Hausen; ohne Perspektive. Es gibt dort auch Selbstmode von Kindern.

Wie beruhigen wir bei diesem Blick in die Welt unser Gewissen? Das Gewissen ist eine instabile Instanz, dass unseren Selbstwert stabilisiert. Ein kleines Beispiel: Eine Begebenheit noch vor dem Lockdown auf dem Heimweg; Feierabend: Das „Rot“ der Fußgängerampel leuchtet hell – abrupter Stopp. Doch meine Bahn fährt gleich. Ein schneller Blick: Keine Kinder, dann doch in einer Verkehrslücke schnell über die Straße hasten. Gut, keine Kinder, das beruhigt das Gewissen. So gesehen ist das Gewissen keine stabile Instanz. Nur unser Selbstwert wird stabilisiert. An selbst gesetzten und situativ veränderbaren Maßstäben. Wie beruhigen wir unser Gewissen bei Blick in diese Welt, beim Blick in die Kinderaugen in den Lagern, und in die Augen der Kinder, die in den Kobaldminen, die dort für unsere E-Mobilität schuften?

Nochmals, das Gewissen ist keine stabile Instanz. Es steht zwischen den Polen von Angst und Liebe. Da gibt es in jeder Richtung etliche Schichten, die uns von diesen Polen fern halten aus Schutz von uns selbst. Früh erlernt und manifestiert. Lassen wir uns vom Blick in die Kinderaugen berühren? Fühlen wir mit? Mitgefühl ist einer der Tugenden, die so unendlich wertvoll sind. Außer, man ist ein Nazist oder ein von ein von Gier zerfressener Egomane. Oder man ist von der Gier zerfressen. Dann sind einem diese Tugend fern, sehr fern.

Es war einmal eine Zeit.

Doch warum haben wir so Angst vor der Liebe?

Eine kurze Exkursion zur Thematik „Tugend und Sünde“. Mit Sünde ist hier gemeint, dass wir uns von der Liebe entfernen. Ein Blick in die Bibel, ins Neue Testament. Da finden sich verschiedene Lasterkataloge, aber erst im Lauf der Kirchengeschichte hat sich die Siebenzahl der Todsünden herausgebildet. Leider wurden die Tugenden in der katholischen Kirche nicht betont, sondern die Sünden wurden als Strafe für die Menschen hervorgehoben. Meist als Drohung.

Im Laufe der letzten Jahrhunderte gab es eine Bewegung hin zur Zivilisierung der Sünde. Was einmal als unmissverständlich sündhaft galt, als böse, unmoralisch, gott- und menschenfeindlich, ist zu großen Teilen dramatisch umgewertet worden. Aus einigen Todsünden wurden nach und nach Tugenden. An dieser Entwicklung lässt sich der gesellschaftliche Wandel von Werten und Moralvorstellungen nachvollziehen. Die Neubewertung der Laster zu nützlichen Eigenschaften oder gar Tugenden finden wir zuerst in der Renaissance, sie schritt in der Moderne weiter fort und ist bis heute nicht abgeschlossen. Ein Blick auf zwei der Sünden, die uns von Gott entfernen: Zunächst Geiz und Habgier.

Geiz und Habgier haben viele Gesichter. Wir erregen uns über die "Raffkes" in der politischen Klasse und die "Abzocker" in der Wirtschaft. Aber Habgier und Geiz sind kein Privileg der Mächtigen. Wir scheinen geradezu ein Volk von Schnäppchenjägern geworden zu sein, die eine seltsame Mischung von Geiz und Habgier praktizieren – möglichst viel haben wollen und möglichst wenig dafür bezahlen: Das Wort vom "Preis-Leistungs-Verhältnis" taucht in fast allen Unterhaltungen über Restaurantbesuche oder Urlaubsreisen spätestens im zweiten Satz auf. Wer fragt nach den Arbeitsbedingungen, unter denen das 1€-Shirt bei KIK hergestellt wurde?

Die Neubewertung zeigte sich auch schon im Kolonialismus. Seit dieser Zeit arbeiten zum Beispiel die Eliten Lateinamerikas einem Weltwirtschaftssystem zu, das den Globus heute klar in Gewinner und andere einteilt. Die extremen Gegensätze zwischen Arm und Reich produzieren hohe Gewaltraten. Der Freihandel, das ganze Weltwirtschaftssystem ist darauf ausgerichtet, dass die Starken billig Rohstoffe kaufen und verarbeitete Güter teuer verkaufen. Mit dem Ergebnis, dass zum Beispiel Peru, das früher eine eigene Textilindustrie hatte, heute fast nur noch chinesische Waren einführt. Und ein Manager von Chiquita sagte mal: Die europäischen Kunden sind der Meinung, sie hätten ein Anrecht auf billige Bananen – da könne er doch keine höheren Löhne zahlen

Zur Sünde der Trägheit: Die Trägheit nistet sich heute vor allem dort ein, wo sich der Rückzug aus der Verantwortung für den Nächsten als vorgeblich rationale Haltung, als Nichteinmischung tarnt. Trägheit ist heute vor allem Gleichgültigkeit. Sie zeigt sich im willentlichen Ignorieren fremder Schicksale. Sie ist die bequeme Neutralität, die uns nahelegt, uns rauszuhalten. Die Trägheit des Herzens – lassen wir uns noch berühren, von dem Leid in der Welt, der Not unseres Nächsten? Im Grunde lädt und das Konzept der Todsünden dazu ein, unsere Fähigkeit zum Bösen anzuerkennen und Verantwortung zu übernehmen. Wir sind auch heute nicht automatisch "entschuldigt", nur weil wir eine wissenschaftliche Erklärung für unser Verhalten haben. Wir "sündigen" nicht, weil uns gesellschaftliche Verhältnisse dazu zwingen. Die Todsünden legen unseren Charakter als Ganzes bloß – man kann sie nicht abspalten, rationalisieren oder trivialisieren. Die Fähigkeit zum Bösen ist auch heute in uns – wir haben die Wahl, ob wir eine Grenze überschreiten oder nicht. So können wir uns auch auf einen Weg begeben, der weg von Gott führt. Das kann auch mal so ganz unmerklich und unterschwellig passieren.

Es war einmal eine Zeit.

Verlorenes Paradies?

Nochmals ein Blick in die Bibel, in das Gleichnis der bösen Weingärtnern (Markus 12, 1-12.) - (Es lohnt sich, das Gleichnis im Kontext zu lesen, in dem es eingebunden ist.)

Die Pharisäer fürchten um ihre angesehenen Positionen, schauen aufs Volk, wollen ihre Ruhe haben, und tun lieber nichts. Ist das heute bei unseren Politkern anders? Die Pharisäer sind ambivalent.

Ambivalenz heißt: eigentlich bin ich ganz anders, ich komm nur viel zu selten dazu.

Wir kaufen in Billigläden unserer Kleidung, und akzeptieren Kinderarbeit für 9jährige. Pushen unsere E-Mobilität, die Kohlestrom nutzt. Kinder schuften in den Kobaldminen – die Batterien benötigen viel davon. Wir schauen mit Expertenteams auf die Krisen und Brandherde der Welt, doch wir sind blind für die Schattenseiten unseres Denkens und Wirkens. Wie hypnotisiert starren wir auf horrende Schuldenberge und –krisen. Dabei übersehen wir, dass eine gigantische Umverteilung stattfindet. Die Kluft zwischen den Reichsten und dem Rest der Welt wird schnell größer. Die Gier der Reichen und Mächtigen kennt keine Grenzen. Bände sprechen die Panamapapers, weitere Enthüllungen folgen – wie aktuell die Pandorapapers. Nun auch Politiker. Passiert wirklich etwas?

Es war einmal eine Zeit.

Damals, da trat ein Minister zurück. In der sog. Briefbogenaffäre. Doch heute? Ungehemmte Gier und Selbstbereicherung. Rücktritt wegen Mautdebakel und weiteren Desaster und Lobbyarbeit für die Agrarindustrie, nur als Beispiele für das, was schief läuft in unserem Land .Zu Lasten der Steuerzahler; also uns. Weit gefehlt! Maskenmänner (und auch Frauen), meist Juristen – es gibt auch noch genügend dem Gemeinwohl dienende Juristen – im Bundestag bereichern sich selbst in der Pandemie. Auch wieder zu Lasten des Gemeinwohls. Konsequenzen: Keine. Sauter und Konsorten lassen grüßen.

An dieser Stelle nur zwei weitere Beispiele zur Bereicherung zu Lasten des Gemeinwohls: Ein bekannter Rennfahrer muss mit seinem neuen Privatjet nur für eine Minute in einer Steueroase landen – schon entgeht der Gemeinschaft die Mehrwertsteuer. Große neue Firmengelände werden von Steuerzahler subventioniert – der Firmengründer fliegt zum Privatvergnügen in den Weltraum. Reiner Egotrip.

Unvorstellbare Summen liegen in Steueroasen – und hier fehlen Gelder, um die Pflege anständig zu bezahlen. Da wird gejammert, es sei nicht genug Geld in den Kassen. Und das im Lande eines der größten Paradiese für Geldwäsche. Die entfesselte Gier, die dies alles befeuert, zerstört das Gemeinwesen.

Schon die legalen Vermögen übersteigen bei weitem die Schulden. Gleichzeitig steigt die Arbeitslosigkeit, die Anzahl der Billigjobs nimmt zu wie auch die Perspektivlosigkeit einer ganzen jungen Generation; vor allem im Süden. Auch die ökologischen Schäden unseres Handelns blenden wir aus. Von den Flüchtlingsdramen ganz zu schweigen.

Was können wir Christen tun? Wir müssen immer wieder versuchen, die frohe Botschaft inmitten all dieser empörenden Geschichten aus Gier und Dummheit und Mord zu entdecken. Selbst der atheistische Philosoph Friedrich Nietzsche, der mit seinem Ruf „Gott ist tot!“ spektakulär für Aufsehen gesorgt hatte, weiß um die Tragik dessen, was er da sagt. Nein, ein Leben ohne Gott macht die Welt eben nicht zum Himmel auf Erden. Sondern der Stärkere siegt über den Schwächeren. Und wenn der Stärkere irgend-wann zum Schwächeren wird, kommt auch er unter die Räder. Eine Welt ohne Gott ist eine tragische Welt, weil ihr die Grundlage von Werten und Normen verloren geht und weil sie auf ein wesentliches Problem keine Antwort hat: nämlich auf das des Todes.

Es war einmal eine Zeit!

Jesus wollte die Augen öffnen und die Herzen berühren. Doch eines gilt: Nach einer Begegnung mit ihm bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir ändern uns oder wir hassen ihn. Wie hieß es im Gleichnis: So berieten sich die angesehenen Weingärtner, und sagten; „Kommt lasst uns ihn töten. Dies ist der Erbe. Dann wird das Erbe unser sein. Und sie nahmen ihn und töteten ihn. Sie warfen ihn hinaus vor den Weinberg. Außerhalb von der Stadt, außerhalb von der Hauptstadt Jerusalem ist Jesus gekreuzigt worden. Draußen vor den Toren der Stadt; Gott ist vor die Tür gesetzt worden. Die Geschichte, das Gleichnis von den bösen Weingärtnern, lehrt mich zu fragen wann setzte ich Gott, seinen Sohn, seine Boten vor die Tür? Wann setzen wir, die Botschaft vor die Tür, damit wir uns dem Ganzen nicht aussetzen müssen? Jesus fordert die Mächtigen heraus. Nicht ihre Worte und Taten sind Gottes Fundament. Nicht ihre Lehren sind die Säulen, auf denen das Fundament des Tempels steht. Sondern auf dem Stein, den sie verworfen haben, sollen die Beziehungen zwischen Gott und den Menschen neu aufgebaut werden. Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Auf diesen Stein bauen. Nachfolge, das ist die Bewegung des Lebens. Sie geht einher mit wachsender Achtsamkeit, Liebe und Demut. Begleitet von dem täglichen Einüben der Tugenden wie Demut, Mitgefühl und Hingabe.

Nachmals zurück zu dem Gleichnis: Rausschmiss der Ungehorsamen, man könnte dafür auch Adam und Eva nennen - sondern Rausschmiss von Gottes Sohn. Verkehrte Welt. Rauschmiss des Göttlichen aus dem Paradies und die Welt ein Tollhaus. An dieser biblischen Vorhersage leidet die Menschheit in einer globalen Ellenbogengesellschaft bis ins Heute.

Ganz persönlich: Was kann ich dazu beitragen, dass diese Welt ein besseres Ort für gelingendes Leben wird?

Es wird eine Zeit kommen!

Sie wird sein, wie die Zeit einmal war. Leben, ganz aus in der allumfassenden Liebe. Rückkehr zur Heimat. Dem Urgrund unseres Seins. Mein Wirken in dieser Welt, heute mit all seine Begrenztheit, ist so unendlich wichtig. Eine tägliche Herausforderung, ein tägliches Angebot. Leben, geboren aus Liebe wagen. Da wo ich gerade stehe in meinen Herausforderungen des Lebens.

 

Rüdiger Schaller, 14.10.2021

Autor des Buches: "In die Stille"

p.s.: In diesem Blog gibt es vertiefende Ausführung zu den Tugenden

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