Der tägliche Tod

Nein es geht nicht um ertrinkende Menschen im Mittelmeer. Es geht nicht um die Opfer auf den Schlachtfeldern der Neuzeit.

Was läuft falsch in der Gesellschaft? Diese Eiseskälte gegenüber den Flüchtlingen, hartherzig und ungerührt lassen wir sie in den Lagen von Europas Außengrenzen vegetieren. Parallel steigen die Rüstungsexporte und die Profite.

Profit, darum wird wie um das goldene Kalb getanzt: CumEx feiert fröhliche Urstände, befeuert von Finanzministern und teuren Finanzberatern – Freshfields, eine vom Namen her renommierte international agierende Wirtschaftskanzlei; im Schulterschluss der BlackRocks. Sensationelle Ergebnisse: Nicht gezahlte Steuer, die wird rückerstattet – obwohl doch nicht etwas rückerstattet werden kann, was nie gezahlt wurde. Das muss man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen. Und dann noch schnell gesetzlich regeln, dass das alles schnell verjährt die Gelder nicht zurückgezahlt werden müssen. Gelder die gut in dem Gesundheitswesen, der Bildung oder in der Infrastruktur sinnvoll investiert gewesen wären. Wieder Profite zu Lasten der Schwachen. Und die Politiker, die agieren eher zu ihrem eigenen Wohl, gekauft von Lobbyisten. Nur einige Beispiele: Der Verschleuderung von Millionen beim Mautdebakel, Konzernwohl vor Tier- und Menschenwohl. Bundeswehr und Beraterverträge ohne Kontrolle. Konsequenzen haben diese Politiker nicht zu fürchten. Schlimmstenfalls werden sie nach Brüssel abgeschoben, in hochdotiere Posten. So wird die Gesellschaft von innen heraus zerfressen. Mein Wohl geht über das Gemeinwohl. Warum wohl ist Deutschland ein Geldwäscheparadies? Whirecard und die Clankriminellen lassen grüßen. Wieso gehen unsere Politiker dieses Thema nicht konsequent an? Es geht, das zeigt Italien, indem es die „Vermögen“ der Maffia vorgeht.

Auch im Straßenverkehr ist gerade innerstädtisch eine zunehmende Verrohung, ja Rücksichtslosigkeit wahrzunehmen. Ein Spiegel der Gesellschaft. Bei den Autos braucht man nur auf die Kühlergrille und das Design zu schauen – Zeichen wahnhafter Wehrkraft. Manche Autos sehen aus wie Panzerwagen. Selbst die Kleinwagen werden wie mit Anabolika aufgepumpt. Doch wozu braucht man einen 2,5 Tonnen schweren Panzerwagen, wenn nur 80kg Fleisch, 10kg Muskeln und ein paar Gramm Hirn von „A“ nach „B“ bewegt werden müssen?

So stirbt das Gemeinwesen täglich einen Schritt weiter.

Doch es geht mir heute um eine andere Art von Tod. Es geht dabei auch um den Verlust von Empathie gegenüber Menschen in Not. Ausgenommen sind die im Vergleich zur Gesamtbevölkerung so wenigen Menschen, die sich in vielfältiger Weise einbringen um Not zu lindern. Die sich vom Leid berühren lassen – und Handeln. Stellvertretend der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und das Kirchenschiff zur Rettung von Menschen in Seenot. Allen die bei dieser Aktion helfen und spenden, gilt meine tiefe Dankbarkeit. Es ist skandalös, dass die EU seit Jahren zuschaut, wie an den Grenzen Europas Menschen ertrinken. Das ist ein Armutszeugnis für Europa, auch dass mit der libyschen Küstenwache zusammenarbeitet wird und gerettete Menschen nach Libyen, in den Bürgerkrieg, zurückschickt werden. Da passieren extreme Menschenrechtsverletzungen. Für was hat die EU den eigentlich den Friedensnobelpreis bekommen? So sind es die zivilen Seenotretter, die Menschen retten. Die das tun, was eigentlich eine staatliche Aufgabe ist. Unfassbar, dass dem Ratsvorsitzenden Morddrohungen zugestellt wurden.

Unfassbar? Wieder nur ein kleiner sichtbarer Teil eines Eisberges; keine Einzelfälle wie die NSU-Morde, Kassel, Hanau, der Anschlag auf die Synagoge. Politiker geben sich bei jedem dieser von ihnen so genannten Einzelfälle entsetzt und fordern Konsequenzen. Doch wo bleiben diese? Schon 1960, nach dem Anschlag auf dem Oktoberfest, war dies die Frage. Die braune Brühe kocht wieder an vielen Stellen hoch (ein paar weitere Gedanken dazu auch in meinem Blogeintrag „Die Stunde „0“, NSU und Polizeicomputer“).

Nun zum täglichen Tod, den ich zu Beginn meiner Überlegungen im Sinne hatte. Der unterschwellig viel mehr bewirkt, als uns bewusst ist. Der tägliche zelebrierte Tod im Fernsehen: Alleine im ZDF und ZDFneo gab es im Jahr 2015 mehr als viereinhalbtausend Morde. Auch in der ARD wird mit großem Fleiß gestorben. Der Tatort ist unangefochten das Flaggschiff im deutschen Fernsehen. Ein aktueller Blick vor kurzem über alle Programme eines Freitages: Insgesamt sieben Mordserien oder Krimis an einem Abend. Alle nach dem gleichen Muster gestrickt, in einem sehr engen Handlungsrahmen: Der Ermittler sieht mit dem Zuschauer in jedem Gegenüber das Böse, die Abgründe der menschlichen Seele. In jedem Gegenüber! Je mehr Ängste bei den Zuschauern – es sind Millionen Bundesbürger – bespielt werden, desto höher ist die Spannung. Und der Ermittler, der ist in vielen privaten und beruflichen Facetten zu sehen. Er ist wie wir, mit allen Sorgen und Nöten. Mit Alkohol- und Eheproblemen, Übergewicht, Stress mit pubertierenden Kindern und mehr. Auch dienstliche Schwierigkeiten, Begrenzungen durch Vorschriften, Gesetzen und mehr. Die Figuren sind vielschichtig, haben Abgründe auch Zweifel. Dies alles führt zu einer hohen Identifikation der Zuschauer mit den Ermittlern. Je bekannter die Ermittler durch viele Folgen, desto höher die Identifikation. Doch diese Ermittler sind im Auftrage einer höheren Macht unterwegs – suggeriert im Auftrage des „Guten“ – und sie müssen alle Fälle aufklären. Oft führen nur Grenzüberschreitungen zum Erfolg. Die Krimi-Figuren zeigen uns: Erfolgreiche Polizeiarbeit gibt es nur, wenn man Regel bricht. Der ganze Plot basiert auf Vorlagen: Auf den noch bis heute bewunderten „Dirty Harry“ Clint Easwoods – Urvater aller brutal durchgreifenden Cops - folgte in Deutschland Schimanski. Millionen haben begeistert zugeschaut, wie anderen „die Fresse“ poliert wurde. In all dieser Gewalt und der Bilderflut geht die Empathie mit den Opfern der Gewalt völlig verloren. Nur ein Gedanke: Wer würde sich gerne „die Fresse“ polieren lassen? Ja, wie würde sich das anfühlen, so als Opfer?

Es ist in diesem schematisch produzieren Mainstream eine Tendenz entstanden, nur das Verderbte zu entdecken. Herbeifantasierte böse Machenschaften, voller Pessimismus und Aggression. Und die Helden der Zuschauer sind alle Vertreter der Staatsmacht. Es wird anscheinend eine alte Sehnsucht der deutschen nach Unterordnung unter eine Autorität bespielt. Wer sich in einer hoch komplexen Wirklichkeit nicht dem freien Leben gewachsen fühlt, der sucht eben nach Feinbildern und nach Autoritäten. Reduziert auf eine duale Weltsicht: Verbrechen vs. ordnende Staatsmacht. Offensichtlich brauchen die Deutschen eine höhere Instanz, um Halt und Orientierung zu haben. Eine Folge: Misstrauen gegen das Fremde wird geschürt. In so einer erzeugen Welt voller dunkler Absichten, in der Gewalt alltäglich ist, wird am Ende eben das Fremde als besondere Bedrohung wahrgenommen. Die Fremden haben eine Wim wahren Leben, geht das Grundvertrauen in andere Menschen verloren. Aufklärung, Humanismus sind längst nur noch ferne Ideen. (Mehr in dem Blog "Hoffnung").

Fatale Parallelen zum Entstehen der Naziherrschaft. Lehrreich das Kino der Weimarer Zeit, das damalige Massenmedium. Auch es hatte seinen Anteil an der unheilvollen Entwicklung. Bis zu 15 Jahre vor der Machtübernahme eine beinahe obsessive Wiederholung von ständig denselben Motiven. Als Ausweg von den Unwägbarkeiten der damaligen Zeiten wurde der Alte Fritz beinahe infantil verklärt als „guter Herrscher“. Parallel dazu die düstere Faszination für wahngetriebene genialische Herrenmenschen, wie Nosferatu. Das Kino damals als Brandbeschleuniger der unguten Entwicklung. Es viel aber auch fruchtbaren Boden: Auf die Unreife der deutschen Charakterentwicklung. Wie steht mit dieser heute? Ist Moria das Symbol der neuzeitlichen Konzentrationslager? Was sind die Wurzeln der Neonazis und ihrer Bewunderer und Förderer? Die Brandbeschleuniger heute, das Fernsehen mit der wahnsinnigen Bilderflut vom täglichen Tod, die sogenannten Sozial Medien – die wirken über diese vielen Wiederholungen der Muster massiv ins Unterbewusste. Nachmals: Wie sieht es heute mit der Reife der deutschen Charakterentwicklung aus? Leben jenseits des gestanzten Mainstreams, das kommt kaum mehr vor. Doch gelingendes Leben ist möglich. In Freiheit, Verantwortung; geboren aus Liebe. Es ist eine andere Art von Liebe als „Bauer sucht Nackedei“. Sie ist möglich, immer wieder und jeden Tag.

 

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Rüdiger Schaller, 16.10.2020

Autor des Buches: "In die Stille"

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