Vergebung

Das Wort, das sagt sich so leicht. Belanglos gesprochen und das Leben geht weiter wie bisher. Doch jenseits esoterischer Gedankenwelten ist Vergebung der Beginn eines Weges, der uns zur Quelle unseres Seins führen kann. Sie ist eine der neun Tugenden, die wir wieder üben, erlernen und in den Alltag integrieren können. Der Weg, zurück zu unseren Wurzeln.

Keine Stellvertreterkämpfe mehr. Frei von überkommener Verhärtung, teil geboren aus genrationsübergreifenden Traumata. So vieles aus der frühen Kindheit und auch auf dem späteren Lebensweg ist bis auf Körperzellebene gespeichert. Längst vergessen im Verstand, wirkmächtig auf unbewusster Weise. Modelle der Welt, wie sie ist, wie ich sein muss, sie entstehen im Verstand. Doch der ist unzuverlässig, kann nur einen Bruchteil der Wirklichkeit sehen und hält diese Fraktale für wahr. Doch wir wiederholen wie in einer Endlosschleife so oft alte, übernommene Muster. Von Menschen, die uns geprägt hatte. Wir leben frappierend oft in denselben Dauerschleifen wie diese Menschen und gehen an dem Segen der Vergebung fehl. Vorab: Es gibt keine Selbsterlösung, doch liebevolle Unterstützung. Die muss man suchen; und annehmen.

Ganz persönlich: Schritt für Schritt frühen Verletzungen genähert. Gebundene heiße Wut und nicht geweinte Tränen entdeckt; im geschützten Raum. Innerliches Leben wie erstarrt, so viel Lebendigkeit und Lebensfreude unterdrückt, alles gehalten. Trotz viel Aktivität im Außen, bewundert von vielen Menschen. Doch hinter der Fassade, da sah es anderes aus. Erst in dem ich mich meinen Verletzungen gestellt hatte, kam wieder mehr Bewegung in mein Leben, mehr Freiheit. Doch einem, dem wollte ich nicht vergeben; niemals! Es war ein innerliches Ringen, mit einem vor langer Zeit verstorbenen Menschen. Unerlöster Ballast auf der Seele, die Tat für mich so schmerzhaft. Ein früher Schock im Leben. Der viele Jahre unterbewusst etliches in meinem Leben dominiert hatte. Langsame Annäherung an den Täter über dessen Biografie. Harte Jahre der Kindheit, zu früh in den großen Weltenbrand geschickt. Traumatische Erlebnisse, unbearbeitet. Ein Ringen in mir, ich will aber nicht vergeben – das fühlt sich wie ein Freispruch an. Nein, die Tat muss gesühnt werden. Aber allmählich finde ich einen Zugang, kann sein Leiden spüren. Völlig verblüffend: Er trug das gleiche Leid wie ich in mir. Zaghafte Annäherung, alte Glaubensätze verblassen. Ja, ich kann mit ihm fühlen. Die Tat? Die war nie in Ordnung und wird nie in Ordnung sein. Ob der Täter Reue empfindet? Ich weiß es nicht, er muss mit sich selbst klarkommen. So gibt es kein Vergessen oder Verdrängen. Für mich: Die belastende Bindung in der Täter-Opfer-Beziehung hat sich gelöst. Das macht frei.

Tief in mir entdecke ich in meinem Ringen eine tiefe Liebe, die uns auf Dauer verbindet, die durch die Bruchstücke unseres Scheiterns hindurch rein und klar strahlt. Das berührt ich zutiefst im Herzen, Tränen steigen in mir auf – auch ich war hart und hatte diesen Menschen unbewusst verletzt mit meinem späteren Handeln. Da bitte ich innständig um Vergebung, so wie ich ihm – geboren aus tiefer Liebe – inzwischen vergeben kann. Und dies im stillen Gebet an seinem Grab auch getan habe. Das befreit so sehr, meine Seele fliegt zum Himmel vor Freude – Liebe, Mitgefühl, Vergebung: Untrennbar mit einander verwoben.

Mein tiefer Schmerz, der mich in meiner Opferrolle gefangen hielt, ist weg – welch eine Freude und Freiheit; jenseits alter Glaubenssätze.

Es tut so unendlich gut, die eigenen blockierten Gefühle loszulassen. So viel bisher gehaltene Lebensenergie wird frei. Der Tanz des eigenen Lebens beginnt.

 

 

Vergebung, die erste Tugend einer Reise zu sich selbst - eine kleine Gruppe von Menschen hat sich auf die Reise begeben, geleitet von unserer Lehrerin Dr. Katja Held.

APPLIEDCOREVALUES®  all together for everyone“  Dr. Katja Held

Rüdiger Schaller 25.10.2020

 

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Rüdiger Schaller, 25.10.2020

Autor des Buches: "In die Stille"

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