Vergebung

Das Wort, das sagt sich so leicht. Belanglos gesprochen und das Leben geht weiter wie bisher. Doch jenseits esoterischer Gedankenwelten ist Vergebung der Beginn eines Königsweges. Eine der neun Tugenden, die wir wieder üben, erlernen und in den Alltag integrieren können. Der Weg, zurück zu unseren Wurzeln. Keine Stellvertreterkämpfe mehr. Frei von überkommener Verhärtung, teils geboren aus genrationsübergreifenden Traumata. So vieles aus der frühen Kindheit und auch auf dem späteren Lebensweg ist bis auf Körperzellebene gespeichert. Längst vergessen im Verstand, wirkmächtig auf unbewusster Weise. Modelle der Welt, wie sie ist, wie sie sein muss, entstehen im Verstand. Doch der ist unzuverlässig, kann nur einen Bruchteil der Wirklichkeit sehen und hält diese Fraktale für wahr. Doch wir wiederholen wie in einer Endlosschleife so oft alte, übernommene Muster. Von Menschen, die uns geprägt hatte. Wir leben frappierend oft in denselben Dauerschleifen wie diese Menschen und gehen an dem Segen der Vergebung fehl. Vorab: Es gibt keine Selbsterlösung, doch liebevolle Unterstützung. Die muss man suchen.

Zur Tugend der Vergebung. Sie ist zentral für das Leben eines jeden Menschen – der immanente Ausdruck der Liebe. Und eines tiefen Friedens. Sie ist auch Quelle von Mitgefühl und Verstehen des anderen Menschen. Gelöst von alten Bindungen und Mustern, vom Festhalten an Verletzungen und einschränkenden Glaubenssätzen entsteht Weisheit. Nur eine freie Seele ist in der Lage, auf der Grundlage der Liebe ihre Handlungen wirklich frei zu wählen.

Vergeben heißt nicht, das was in der Vergangenheit passiert ist verdrängen oder vergessen. Es auch nicht schönreden. Was nicht gut ist, bleibt auch nicht gut. Vergeben entspringt dem Wunsch, den eigenen Schmerz loslassen zu wollen. Das Festhalten an der Täter- und Opferrolle schmerzt uns nur und ist über eine konstruktive Reue hinaus nur sinnlos.

Ein weiteres Missverständnis gilt es auf dem Weg der tieferen Vergebung aufzulösen: Die Vergebung löscht nicht die Schuld des Täters aus. Dieser muss für seien Taten geradestehen. Vergebung ist das Lösen der Bindung zwischen Täter und Opfer, damit verbunden das Loslassen blockierender Gefühle. Nur der Täter selbst ist in der Lage, seine Seele durch Reue, Vergebung und Wiedergutmachung zu befreien.

Aus eigener Erfahrung: Es tut so unendlich gut, die eigenen blockierten Gefühle loszulassen. So viel bisher gehaltene Lebensenergie wird frei. Der Tanz des eigenen Lebens beginnt.

 

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Rüdiger Schaller, 25.10.2020

Autor des Buches: "In die Stille"

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