Mitgefühl

Mitgefühl jenseits abwehrender Worte wie: „Ich fühle mit Dir“, die so schnell gesprochen sind. Damit wir unsere Ruhe haben und uns nicht mit uns selbst beschäftigen müssen. Doch jenseits dieser Worte, jenseits unserer Abwehrmechanismen, da ist Mitgefühl möglich. Heilung auf tiefer Ebene kann geschehen.

Wir sind alle miteinander verbunden, alle Menschen haben die gleichen Ängste und Sehnsüchte. Wir bedingen einander und können uns nicht unabhängig voneinander betrachten und leben. Aber auf meist unbewusster Ebene, da leben wir Trennung. Früh entstanden zum Schutz des eigenen Wesens, unserer Essenz. Sobald ich mich bedroht fühle oder in mir etwas nicht sehen und fühlen will, dann projiziere ich das in den anderen Menschen. Und bleibe hinter meinen Abwehrmechanismen alleine. So kann ich meinen Gegenüber nicht annehmen, denn Mitgefühl kann nur auf Augenhöhe gelebt werden. In einer Beziehung unter Gleichen, ohne ein „besser“ oder „schlechter". Hinter den so unterschwelligen Verurteilungen. Diese Verurteilungen gilt es sich bewusst zu machen und somit mehr und mehr Raum im eigenen Inneren zu finden. Verantwortung übernehmen - für mich und für andere - das macht frei und führt zu einem tiefen Mitfühlen. Gleich ein Beispiel aus eigener Erfahrung.

Doch zunächst der grundlegende Unterschied zwischen Mitgefühl und Empathie. Mit den Worten von Matthieu Ricard, Mönch und Wissenschaftler: „Wenn wir für eine Person, die traurig ist, Empathie empfinden, fühlen wir uns selbst traurig. Bringen wir ihr Mitgefühl entgegen, empfinden wir stattdessen teilnehmende Sorge für diese Person und zugleich die Motivation, ihr Leid zu lindern.“

Nun zu dem Beispiel aus meiner Erfahrung. Letzte Woche bei Warten auf die Öffnung des Kiesertrainings. Gedankenverloren stand ich vor der noch verschlossenen Tür und wartete. Da kommt ein Mann kommt auf mich zu, er will auch trainieren. In Bruchteilen von Sekunden nachdem ich ihn gesehen hatte, beurteile ich ihn. Mir schießt der Gedanke durch den Kopf: „Wir verhärtete ist der denn…“ Wie schnell und unbewusst unsere Abwehrmuster aktiviert werden! Doch ich erkenne in diesem Moment mein Muster: Abwehr meiner eigenen Verhärtung, die ich nicht sehen will. Und sofort hatte ich alles auf den Mann, der auf mich zukam, projiziert. Zum Glück wurde mir der Vorgang bewusst und ich musste ich an die Vorwoche, an das Thema „Vergebung“ denken. Und an meinen Entschluss: Ich führe keine Stellvertreterkriege mehr. Ja, ich trete raus aus den Prägungen meiner Vorfahren. Da war so viel Verurteilung im Leben, ein ständiges Bewerten anderer Menschen - die meisten hatten zumindest einen massiven Makel, wenige wurden erhöht; bewunderter, ja fast vergöttert. Doch im Grunde war niemand gut genug. Auf Augenhöhe? Niemand! In dem Moment, an dem ich an meinen Entschluss von letzter Woche denke, fällt meine innere Mauer; es ist, als ob ein Schleifer vor meiner Wahrnehmung weggezogen wurde: Ich kann mit diesem Mann zutiefst mitfühlen. Wir hatten uns dann bei der Öffnung aus den Augen verloren. Es ist schon spannend, wie eng die Tugend der „Vergebung“ mit der Tugend des „Mitgefühls“ zusammenhängen.

Wie freudvoll diese Auflösung des alten Musters in der Situation war; es ist schier unglaublich, diese Erfahrung. Freudvoll, weil ich uneingeschränkt für dieses Wesen da war, nicht niedergedrückt von der eigenen Ohnmacht. Ich konnte für den einen Augenblick meine eigene Präsenz anbieten. Ein liebendes Herz kann in Bruchteilen einer Millisekunde Leid mindern. Mitgefühl, das liebende Potential und Wegweiser für ein glücklicheres Leben. Ein Vorgeschmack auf das, was möglich ist. Ich freue mich auf die nächsten Schritte.

Dabei ist mir klargeworden, dass Mitgefühl auch eine Stärke ist, angesichts des eigenen Schmerzes mit verstehenden und liebenden Augen zurückzuschauen auf das eigene Erleben und so heilend auf das Geschehen einzuwirken. Das entspannt ungemein. Seit den ersten Übungen schlafe ich gut und entspannt wie seit so unendlich langer Zeit nicht mehr.

Tja und dann. Dann passierte etwas völlig Überraschendes, nicht auszudenken oder zu planen. Die abendliche Übung verlief unspektakulär; wie die Übungen der Tage zuvor. Nur etwas sperrig, im Rücken verzogen. Stille Meditation, untermalt von sanfter Musik. Irgendetwas berührt mich bei den Gedanken, dass andere Menschen auch viel Leid erfahren haben. Wie ich. Und in dem Moment, an dem die Zeit der Meditation vorbei war, überfiel mich eine abgrundtiefe bodenlose Müdigkeit. Keine Erschöpfung, sondern eine bodenlose Müdigkeit. Ich gehe sofort zu Bett und schlafe traumlos und lange. Am nächsten Moren die Erkenntnis: Ich bin nicht alleine in meinem Schmerz. Es ist, als ob eine weitere Mauer der Trennung von anderen Menschen fällt. Irgendein Anteil meines Wesens war seit über 60 Jahren wach, hellwach. Immer alle Antennen auf eine divuse latente Bedrohung gerichtet.  Geboren war dieser Anteil aus einem frühkindlichen Trauma; im ersten Lebensjahr. Nun zieht Entspannung, Leichtigkeit und Lebensfreude in mein Leben ein; in einer bisher nicht gekannten Qualität.

Wahres Mitgefühl kann nur aus einem persönlichen Bewusstseinsprozess hervorgehen; es ist eine Art von gewonnener innerer Weisheit. Beides geht quasi „Hand in Hand“. Mitgefühl entsteht aus unserem eigenen Leiden. Wenn wir unser eigenes Leid erkennen und annehmen. Und uns auf diesem Weg mit unseren Ängsten und Widerständen konfrontieren. Darüber verstricken wir uns dann nicht mehr in unseren eigenen Befindlichkeiten. Was ist darüber spüre, eher noch erahne, ist meine Sehnsucht, nach Verbundenheit, nach Überwindung des Gefühls der Trennung. Ich sehne mich nach einem „angstbefreitem Herzen“ und bin gespannt, auf die nächsten 7 Wochen; ich berichte!

 

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Rüdiger Schaller, 01.11.2020

Autor des Buches: "In die Stille"

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