Mut

Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Überzeugung, dass etwas wichtiger ist als Angst. (F.D. Roosevelt).

Vorab: Es geht nicht um den so falsch verstandenen Heldenmut. Der führt zu einem so elendigen Tod oder Verkrüppelung auf den Schlachtfeldern dieser Welt. Familien werden zerrissen; generationsübergreifende Trauma werden weitergetragen. Machthaber – ob religiös oder politisch „motiviert“– verführen junge Generationen; verlorenen Generationen. Eine schier endlose Spirale von Hass, Gewalt und des Mordens seit undenkbar langer Zeit. Kälte und Verhärtung, oft unbewusst, durchziehen die Gesellschaft. Das muss nicht nur durch Kriege gezeugt sein.

Mir geht es um eine andere Art von Mut: Mut, geboren aus Vergebung und Mitgefühl. Er entspringt dem eigenen Selbstvertrauen und ist die Fähigkeit, unabhängig von möglichen Folgen, den eigenen Weg zu beschreiten. Und trotz Angst weitergehen zu können. Mut ist nicht Angstfreiheit. Mut kann nur da erfahren werden, wo Angst existiert.

Doch gerade Angst ist so oft hinter Schichten der eigenen Prägungen verborgen. Deshalb auch so viele Ablenkungen durch Medien- Nahrungs- und Luxuskonsum. Ohne Rast und ohne Zeit. Es bleibt keine Zeit mehr, die Neugier auf anderes, auf das Leben zu spüren. Neues wagen? Sehnsucht nach mehr? Verbunden sein mit der Natur und den Menschen? Verbunden auf tiefster Ebene unseres Seins gar mit der Quelle unseres Seins, ich nenne sie Gott?

Wer ist noch in Kontakt mit der Fülle des Lebens? Ich meine nicht das schier unablässige konsumieren der digitalen Medien, auch nicht den oft maßlosen Verzehr von Nahrungs- und Genussmitteln. Emotionalisierter Luxus, ob SUV oder sonstige Ersatzdrogen, auch diese lenken die Aufmerksamkeit ab. So werden innere Erfahrungsräume versperrt und vergraben. Tradiere Prägungen werden gelebt -wo bleibt die Erlaubnis, die Fülle des Lebens anzunehmen? Sich selbst auf tiefer Ebene als wertvoll und grundlegend gut zu fühlen?

Das zu erfahren, dass ist für viele Menschen schwer. Das kann ich nachvollziehen, lebend im Gefängnis der eigenen Gedankenwelt. So wie ich innerlich die Welt sehe, so sehe ich sie auch im Außen. Frühe Prägungen: Die Welt ist ein gefährlicher Ort; Lebensgefährlich. Tief vergraben im Bewusstsein, in vielen Schichten und Verästelungen meiner Schutzpanzer. So vieles war in mir blockiert, lebend im Pol der Angst. Mit viel Kraft Jahrzehnte durchs Leben gekämpft, meinen Mann gestanden. Doch dann kam der Zusammenbruch. Wie von unsichtbarer Hand geleitet, hatte ich Monate später endlich einen Weg gefunden, auf dem ich Hilfe zur Selbsthilfe angeboten bekam. Inzwischen sind viele Jahre vergangen, doch schon zu Beginn der Reise war Mut gefordert: Mich zeigen! So vieles war unterdrückt, die ganze Lebendigkeit war gebunden. Mein innerer Leidensdruck war so groß. Es ging aber weiter, hin zum Leben. Dank achtsamer und mitfühlender Begleitung. Einzel- und Gruppenarbeit stand an.

Nach Jahren der Entwicklung kommen nun tiefste Schichten ins Bewusstsein. Nun in der dritten Woche das Trainings ist mir klar: Powersprüche wie „Du musst nur an Dich Selbst glauben“, die funktionieren nicht wirklich. Zu behaupten, mir geht es gut, obwohl es mir schlecht geht, erzeugt doch nur noch mehr inneren Druck. Nein, es geht ganz klar darum, einen Raum jenseits der Dualität zu erfahren. Das erfordert wieder Mut. Der Einladung zu folgen: Darf ich wirklich glücklich sein? Gebe ich mir die Erlaubnis, mich zutiefst wertvoll und grundlegend gut zu fühlen? Ja, mir gar die Erlaubnis zu geben, mich zu lieben; so wie ich bin? Und mir selbst zu vergeben. Auch diese Erfahrung erleichtert mich innerlich.

Mehr als eine Ahnung beschleicht mich, ohne dass ich mich bei meinen Erfahrungen in irgendwelchen verstandesmäßigen Logiken verheddere: Mein ursprüngliche Selbst ist ohne Begrenzungen, ohne Schmerz und ohne Druck. Das führt noch weiter: Zur Liebe. Liebe in ganz anderem Sinne als „Bauer sucht Nackedei". Es geht um eine Qualität unseres Seins, das uns zu unserer Quelle zurückführen kann. Ich nenne diese Quelle Gott. „Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“. Im stillen Sitzen in der Meditation wie aus dem Nichts auf einer tiefen Ebene einen Impuls gespürt: Die Liebe Gottes ist wie die Liebe von Eltern zu ihren Kindern und immer da und in uns - in tiefer Resonanz verbunden. Doch von diesem Raum in uns, da haben wir uns sehr früh in unserer Individuation oft weit entfernt. Schutzschichten, geboren aus Missverständnissen über diese Welt verdecken den Zugang zurück.

Ich muss mehrfach tief durchatmen; alles wirken lassen: Gott ist die Liebe und ich bin ein Teil Gottes – so kann ich in meinem tiefsten Sein nur Liebe sein. Ja, wieder Einssein, mit meinem Urgrund verbunden. Noch kann ich es nicht ganz fassen, diese so tiefe Wahrheit. Ich gebe mir Zeit, nichts zu erzwingen.

An dieser Stelle ein Warnhinweis für das Ego: Wir sind dadurch nicht Gott!

Rückblickend auf meine Entwicklung fällt mir auf, in welch grandiosem Irrtum ich, wie die meisten Menschen, gefangen war: Sich in der Angst sicher zu fühlen. So mächtige Selbstverbote zur reinen Lebensfreude! Mir wird dabei klar, dass der Mutige, der Fehler macht, immer für seinen Mut belohnt wird, so meine Erfahrung in vielen kleinen Dingen. Es geht auf diesem Weg um die Expansion unseres Lebens, hin zu seiner ganzen Fülle. Es gibt nur die Pole Angst und Liebe. Nochmals: was für ein grandioser Irrtum, sich in der Angst sicher zu fühlen. In der Liebe, da bin ich sicher. Nur da.

Mut ist mehr als Fügsamkeit und Anpassung. Auf unserem Weg ist Mut so wichtig: Wir müssen das Leben wagen anstatt es zu vermeiden. Dabei müssen wir uns in Frage stellen und auch fragen: „wie“ und „was“ will ich leben. Dabei müssen wir unseren Mut entwickeln und uns auch selbstermächtigen, Neues zu denken und zu fühlen. Die alte Sicherheit und Bequemlichkeit gibt es dabei nicht mehr. Die eigenen Impulse wichtiger nehmen, als die Meinung des Mainstreams. Bereit sein, im Ringen um die eigene Selbstbestimmung auch einen durchaus schmerzhaften Verlust von Zugehörigkeit in Kauf zu nehmen. Dabei gibt es viele Angriffe und Versuchungen – hier braucht es wiederum den Mut, diesen mit Liebe gegenüberzutreten. Ohne Zusage, dass meine Entscheidung belohnt wird. Das fühlt sich freier an, trotz der Unsicherheit zu Beginn. Tiefe Freude durchpulst mich für einen Moment. Es ist mein Weg, für mich – nicht gegen andere Menschen.

Das alles war viel Stoff, die letzte Woche. Etliche Erfahrungen, meist noch nicht auszusprechen. Das ist in Ordnung. Nun steht die vierte Woche der Reisegruppe an – die Tugend „Großzügigkeit“. Ich bin gespannt, freue mich und berichte.

 

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Rüdiger Schaller, 08.11.2020

Autor des Buches: "In die Stille"

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