Dankbarkeit

Ein leichtes Zittern durchläuft meinen Körper während der Meditation, verbunden mit der Gruppe von Menschen, die sich gemeinsam auf diesen Erfahrungsweg begeben hat. Die sich gegenseitig stützt und trägt. Geborgen fühle ich mich. Die Kerze flackert leicht, ihr sanftes Licht erhellt den Raum. Tränen bahnen sich ihren Weg, tief berührt vom Erfahrungsraum der Dankbarkeit: Ja, mein Leben ist ein unendlich wertvolles Geschenk.

Mein Körper, mein Verstand und meine Talente: nichts erarbeitet, alles ist ein Geschenk. Wie auch alle Lebewesen, ob zu Land, Luft oder im Wasser. Die Meere, die Berge, die Flüsse. Die stillen tiefen Wälder, Räume in denen man der Verbundenheit mit allem nachspüren kann. Wie auch in der Weite der Küsten.

Nichts habe ich davon geschaffen – alles ein Geschenk. Staunen und sich freuen, wie ein kleines Kind, dass zum ersten Mal einen Schmetterling auf einer bunten Blumenwiese sieht. Mit Dankbarkeit im Alltag alles betrachtet, das führt in die innere Weite. In diesem Erfahrungsraum hört die Gier, das innere getrieben sein, auf. Ich kann sehen, was ich habe und bin dankbar. Das bereichert, Freude blitzt immer wieder in mir auf. Und es reift auch die Erkenntnis, dass ich nichts wirklich unter Kontrolle habe. Morgen ein Schlaganfall und alle meine geistigen Talente sind nicht mehr vorhanden. Dankbar im Augenblick leben, das ist mein Ziel. Annehmen was kommt.

Mein Leben, ein Geschenk: Eine Rückblende: Geboren im kalten November Ende der 50ziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Mit sechs Wochen schwer erkrankt, aufgegeben von den Ärzten; Nottaufe. Nur meine Mutter, die gab nicht auf. Mit einer Pipette und Haferbrei päppelte sie mich in völliger Hingabe über die Zeit wieder auf. Sie gab nicht auf – was für ein unglaubliches Geschenk, wie tief die Liebe! Wieder steigen Tränen in mir auf, geboren aus tiefer Dankbarkeit.

An dieser Stelle nur eine weitere Begebenheit, für die ich unendlich dankbar bin: Ein paar Tage nach der Beerdigung meiner Mutter halte ich einen Gottesdienst am zweiten Weihnachtsfeiertag. Ein Einschub: Ich übe das Ehrenamt eines Prädikanten in der evangelischen Landeskirche in Hessen-Nassau aus. Nu zurück zu dem Gottesdienst. Kurz vor Beginn kommt mein Herzensbruder auf mich zu, bittet mich in die Sakristei und legt mir seine Weihnachtsstola für diesen Gottesdienst um – was für eine große Wertschätzung, was für ein Geschenk. Noch heute bin ich tief bewegt und dankbar; auch für die schon so lange Freundschaft, die uns verbindet.

Was für eine spannende und bewegende Reise, diese 5. Woche von 9 Wochen zu den 9 Tugenden. Innere Sichten verändern sich, Erfahrungsräume werden entdeckt, betreten und gefühlt. Bereicherung fließt ins Leben. Und es geht weiter, nächste Woche steht die Tugend der Hingabe an. Ich bin gespannt und denke an die Hingabe meiner Mutter ganz zu Beginn meines Lebens.

 

„Manche Menschen wissen nicht,

wie wichtig es ist, dass sie einfach da sind.

 

Manche Menschen wissen nicht,

wie gut es ist, sie nur zu sehen.

 

Manche Menschen wissen nicht,

wie tröstlich ihr gütiges Lächeln wirkt.

 

Manche Menschen wissen nicht,

wie viel ärmer wir ohne sie wären.

 

Manche Menschen wissen nicht,

dass sie ein Geschenk des Himmels sind.

 

Sie wüssten es,

würden wir es ihnen sagen.

 

(Paul Celan)

 

 

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Rüdiger Schaller, 22.11.2020

Autor des Buches: "In die Stille"

 

 

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