Stille

Wozu Stille?

Mit jedem „Like“ in den „sozialen“ Medien, mit jedem Klick Ausstoß von Glückshormonen pur. Jederzeit und überall verfügbar, 24 Stunden. Ständige Ablenkung durch Smartphones, Fernsehen und mehr. Wenn das nicht genügt, ab zum Ballermann und Party rund um die Uhr. Nicht nur in der Stadt, auch in den Wäldern – eigentlich ein Ort der Stille und Ruhe - auf dem Fahrrad: wummernde Musikboxen, kilometerweit zu hören. Parallel dazu ein nie abreißender Strom von Nachrichten, jederzeit präsent und verfügbar sein. Schneller Austausch mit Kollegen, mit Freunden. 15 Minuten nichts tun, Langeweile ertragen? Wer kann das noch? Irgendwann erschöpft, Ruhe suchen im Urlaub. Doch selbst am stillsten Ort ein unablässiger Gedanken- und Gefühlsstrom, wirklich runterkommen kaum möglich.

Dauern denke ich an meinen Chef mir kommt sofort der Ärger in den Sinn. Dann wieder die Sorge um die Kinder. Klappt das endlich mit der Jobsuche? Das geht fast unaufhörlich so in einem fort. Mir ist jetzt klar, dass ich innerlich keinen Frieden habe. Sehnsucht nach meiner Heimat, nach dem was mich, was alle Menschen ausmacht. Ich bin gespannt, was diese Woche, die letzte, des Kurses über die 9 Tugenden, geleitet von Dr. Katja Held, so bei mir aufdeckt. Finde ich einen Zugang zum Frieden, zur Stille in mir? Bisher kenne ich nur Ablenkungen.

Was ist Stille?

Eine erste Annäherung an die Stille. Sie ist das Gegenteil von Geräuschen, von Lärm. Je mehr ich mich damit beschäftige, wird mir mein innerer Lärm bewusst. Ständig dieser Gedankenfluss, der mich auch immer sofort in Bewegung bringt. Still und ruhig mal irgendwo sitzen? Ich schaffe das nicht. Schon nach Sekunden bin ich in meinen Gedanken gefangen. Selbst die Gebetsstille, da kommen mir die merkwürdigsten Gedanken. Innerlich empfinde dies inzwischen als Lärm. Dieser Lärm nervt mich ohne Ende. Doch je mehr ich die Gedanken beiseiteschieben will, desto stärker werden sie. Ich werde immer unruhiger. Die Stille, aus dem althochdeuten übersetzt, bedeutet ohne Bewegung, ohne Geräusch. Da denke ich an einen ruhigen kleinen See auf meiner letzten Wanderung. Da konnte ich mich drinnen spiegeln. Auf meinen Gedanken rückübersetzt: Innerlich bin ich völlig aufgewühlt, wie kann ich da Stille finden? Den Rückweg zum Urgrund meines Seins? Irgendwie müsste es gelingen, Gedanken und Gefühle von den Reaktionen zu entkoppeln. Dann werde ich zumindest einen Geschmack von Stille bekommen, so meine Hoffnung.

Warum fällt mir Stille oft so schwer?

Ich treffe auf alte Bekannte: Versagensängste, schmerzliche empfundene Zurückweisungen in früher Kindheit, Angst vor Krankheit und Tod und mehr. Sie stehen vor dem Rückweg ins Paradies, so wie der Erzengel. Die dort Wacht halten. Immer wenn ich mich näheren will, dann melden sich die Ängste und Sorgen und andere Probleme immer wieder zu Wort, dominieren mich auf teil unbewusster Ebene. Halten mich unablässig in Bewegung

Wie komme ich in die Stille?

Was bringt mich immer wieder raus aus dem Versuch in die Stille zu gehen. Ich falle genau dann raus, wenn ich meine Achtsamkeit auf die Bäume, Autos, Häuser und Menschen lenke. Dann bin ich meist, gerade bei den Autos in der Abwehr: „Wieder so ein SUV, muss doch nicht sein. 2,5 Tonnen Stahl für 80 Kilo Mensch“. Bei Menschen bin ich ständig in der Bewertung, oft Abwertung: „Was macht der denn für ein Gesicht?“ „Warum grüßt der denn nicht zurück?“ Irgendwie muss das anders gehen, mal auf dem Wochenmarkt üben, mich nicht auf die Menschen zu fokussieren, sondern eher mal die Aufmerksamkeit auf den Raum „dazwischen“ zu legen. Morgens, das ist der Markt noch nicht so überlaufen. Zu viele Menschen würden mich bestimmt wieder ablenken. Mal einen anderen Fokus in den Blick legen, nach ein paar Versuchen: Der Raum den ich „dazwischen“ sehe, dehnt sich fast unendlich weit aus – „wow, was für eine Weite und Präsenz!“ Und schwupp, bei dem Gedanken falle ich sofort wieder aus der Wahrnehmung raus. Einfach weiterüben, so die Empfehlung der Lehrerin.

Später, beim Warten in der Schlange vor der Apotheke – die ersten Masken sind eingetroffen – auf die Stille zwischen den Worten der Menschen fokussieren. Einfach aus meiner Stille heraus. Die Worte tauchen in dem auf und verschwinden wieder – die Stille bleibt. Ich könnte reagieren, mich in die Unterhaltung einbringen, muss aber nicht reagieren; lieber in der Stille bleiben für diesen Moment. Da kommt große innere Freude auf, ein Geschmack von innerer Freiheit; von Wahlfreiheit.

Weiter ging die Reise. Herausfinden, was mich noch Weiteres abhält vom Rückweg, der von den Erzengeln bewacht wird. Was denke ich über mich? Was steht dahinter? Auf die Essenz reduzieren und das mit in die Meditation nehmen. Nein, keine 20 Minuten, 60 Minuten über diese Essenz meditiert und in mir bewegt; viele Tränen sind geflossen. Tränen der Erleichterung. Stille und Weite am Ende. Frieden.

Im Rückblich zu meinem Einkauf auf dem Wochenmarkt ist mir bei der Analyse noch aufgefallen, dass ich in den Momenten der Stille keine Auf- oder Abwertungen von Menschen getan hatte. Innerlich war ich in tiefem Frieden, keine Gedanken. Einmal, da empfand ich für einen älteren, gebeugt gehenden Mann tiefes Mitgefühl. Er ging seines Weges. Ich hatte keinen Impuls, handeln zu müssen. So geht für mich innerer Frieden, geborgen aus der Stille, in der ich bin. Freude blitzt in meinem Bauch auf, breitet sich in meinem ganzen Körper aus. Ich muss lachen. Da liegt ein Weg vor mir, über den ich endlich aus meinen alten Mustern aussteigen kann. Und neues in mein Leben bringen kann. Weiter dran bleiben an dem Einüben der Tugenden. Weiter in die Stille gehen, das ist mein Ziel. Mehr als einen Vorgeschmack habe ich erlebt in den 9 Wochen, viel Freude ist mit zugewachsen, durchzogen von Dankbarkeit.

Zum Abschluss nochmals ein Blick in die Welt; die Adventszeit. Vorbereitung auf die stille, die heilige Nacht. Gott wurde Mensch, das Heilige kam zu den Menschen. In die Stille. Doch wie bewirbt eine erregionale Tageszeitung mit weitaus mehr als 4 Buchstaben die beginnende Krimiserie? "16 Folgen Hochspannung für die stille Zeit." Schon Herodes wollte das Stille, das Heilige töten. Doch es ist ihm nicht gelungen. Über Jahrtausende hinweg wurde das Licht der Liebe von ungezählten Menschen still und unscheinbar weitergetragen.

Gedanken im Nachklang, von Rumi, die unter anderem auch Eingang in die gewaltfreie Kommunikation gefunden haben:

Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum: Nur dort kann Begegnung stattfinden.
Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum: Nur dort findet Heilung und Entwicklung statt.
Zwischen Richtig und Falsch gibt es einen Ort. Dort werden wir uns begegenen.
(Rumi)

 

APPLIEDCOREVALUES®  all together for everyone“  Dr. Katja Held

 

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Rüdiger Schaller, 20.12.2020

Autor des Buches: "In die Stille"


 

 

 

 

 

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