Zeitzeichen

Sie werden oft übersehen im Trubel des Alltags. Selbst dann, wenn sie wie ein Wetterleuchten am Horizont zu sehen sind; für Menschen, die sehen können.

Frieden, Weite. Für mich als Asthamtiker, der Angst vor der Triage hat, ein Sehnsuchtsort: Das Meer! Tief aufatmen, frei sein. - Geborgen in der Weite des Seins.

Ein Rückblick; gepaart mit Hoffnung: Frei – endlich frei! Urlaub an der Nordsee. Unendliche Weite umfängt mich. Sanft streicht der Wind über meine Haut. Ich erreiche das Wattenmeer. Es ist Ebbe, das Wasser hat sich weit von Land zurückgezogen. Ich ziehe die Schuhe aus und gehe barfuß ans Ufer. Dort spielen Kinder. Sie ziehen mit Plastikschaufeln Gräben um die Burgen, die sie aus dem Watt aufbauen. Die älteren Kinder wetteifern darum, die größte und höchste Burg zu errichten.

Langsam gehe ich an ihnen vorbei ins Watt und bleibe stehen. Ich lausche der Stille, die mich umgibt. Sie wird nur hin und wieder von dem Schrei einer Möve untermalt. Vom inzwischen fernen Strand sind ab und zu Kinderstimmen zu hören, sie lachen. Allmählich nähert sich die Flut; es ist Zeit, umzukehren.

Ein paar Meter vor dem Ufer holt mich die Flut ein. Das Wasser beginnt meine Füße zu umspielen. Leise beginnen die ersten Wellen, noch ganz sachte, an den äußeren Mauern, welche die Sandburgen in einem äußeren Ring umgeben, zu nagen. Nach und nach weichen die Fundamente von unten her auf. Langsam steigt der Pegel. Erste Risse in den Mauern, dann erste Lücken, durch die das Wasser in die hinter den äußeren Mauern liegenden Gräben schießt, die sich schnell füllen. Dann erreichen sie die Burgen und nagen an deren Schutzmauern. Schon nach kurzer Zeit stürze auch sie in sich zusammen. Wenn die Ebbe später das Watt wieder freigibt, wird nichts mehr auf die einstige Existenz der Bauwerke hinweisen. Alles wird wieder rein und unberührt vor meinen Augen liegen.

Was wird von den Werken und Errungenschaften, auf die wir so stolz sind, die Jahrhunderte überdauern? Von längst versunkenen Hochkulturen blieb bis zum heutigen Tag nur wenig übrig. Manche sind spurlos im Mahlstrom der Zeit versunken.

Mächtige, scheinbar unbesiegbare Reiche entstanden. Sie erreichten eine große Machtfülle und rangen mit den Feinden um ihren Fortbestand. Doch am Ende zerfielen sie ins Nichts. Neues wurde auf den Trümmern des Alten errichtet.

Ein Blick in die Welt heute: Amerika: Gespalten von Trump und seinen willfährigen Republikanern – dem Untergang geweiht. Auch bei uns: Von innen zerfressen: Wirecard, CumEx und Mautdebakel; ganz zu Schweigen vom Debakel in der Coranakrise (sie feiern sich als Helden) - nur ein paar wenige der Missstände in unserm Land. Kein Problem, nur vielleicht mit der Selbstdarstellung. Teurere Berater werden da schon richten in der Kommunikation. Unnahbar und unfehlbar unsere Politikerkaste, ohne Fehl und Tadel. Wie auch die Panzer-Uschi und deren Nachfolgerin. Das System krankt und schafft sich selber ab. Nur die Machthabenden, die profitieren vom Zerfall; wie die Nachfolger der Naziherrschaft. Reiche Menschen fallen nicht; ihnen sind die leidenden Menschen, die leidenden Natur: Egal. Spielmasse in deren selbstverliebten Machtspielen.

Ich muss tief durchatmen bei diesen schweren Gedanken. Rein auf Fakten basiert. Am Horizont ein Wetterleuchten; kaum jemand bemerkt es. Lieber feiern und besaufen am Ballermann. Wow, endlich frei im Suff. Was interessiert uns die Schöpfung, der Wert jedes einzelnes Wesens; oft so verletzlich und schützenswert? Gewiss: Ein hartes und kantiges Bild.

Wie sagte es ein Trainer zu Jugendlichen: „Wirklich cool ist einer, der nicht mitmacht, wenn einem anderen Menschen seine Würde genommen wird. Ein wirklicher Held ist jemand, der den Mut hat, zu sagen: „Da mache ich nicht mit“.

Wo sind die letzten Helden einer untergehenden Epoche? Gibt es genügend diese Helden, um den Untergang in etwas Gutes, das Leben förderndes, zu verwandeln?

Zeitzeichen - sie sind klar zu sehen; für Menschen, die über ihren begrenzten Horizont schauen.

 

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Rüdiger Schaller, 28.02.2021

Autor des Buches: "In die Stille"

 

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