Laufen als Spiegel der Seele - Zwischenzeiten

Wer mag das Wort noch hören? Corana! So vieles hat die Pandemie durcheinandergebracht. Sylt 2020. Voller Vorfreude auf den Lauf dort. Das ist der Start für die längeren Trainingseinheiten. Das Erleben trägt dann zur nächsten Etappe auf dem Weg nach Biel, dem Marathon in Mainz. Doch schon auf der Anreise kam die Info durch: Der Lauf ist abgesagt. Wie später so viele andere, auch Biel 2020. Mich hatte gerade zu Beginn der Pandemie das Verhalten vieler Menschen erschrocken. Wie viele Werte verloren gegangen sind. Doch eine Welt, der Werte und Normen verloren gehen, ist ein tragische Welt. Ein Blick in die Zeit zu Beginn der Pandemie: Toilettenpapier und Nudeln werden gehamstert. Aus Risikogebieten mit dem Coranavirus reisten Menschen nun begeistert an die Nordsee auf die Inseln: Toll, zwei Wochen mehr Urlaub! Anstelle von zwei Wochen Kontaktverbot, zum Schutz der Allgemeinheit. Gefährlicher Wohlstandstrotz, 5 Notfallbetten auf Sylt bei 18.000 Urlaubern – na und? Gut, dass drastisch und konsequent reagiert wurde. Ich reise vorzeitig ab, einen Tag vor Schließung der Insel; inkl. Beherbergungsverbot.

Zurück Zuhause blieb nur ein Gang ins Büro. Laptop abholen und ab ins Homeoffice. Da bin ich jetzt seit letztem Jahr. Mit vielen Vorteilen. Dazu später mehr.

Bergamo, all diese Bilder von dort und die Diskussionen um die Triage, die verfolgten mich bis in den Schlaf. Ende März schreckte ich eines Morgens aus einem schweren Schlaf auf. Schweißgebadet. Der Albdruck wollte nicht weichen, auch beim Blick aus dem Fenster in die erblühende Natur. Sonnenschein pur, strahlend blauer Himmel und prachtvolle, schneeweise Blüten eines Birnenbaums bieten sich mir da. Klare, erfrischende Luft. Doch sie trägt den unsichtbaren Tod. Ich war wie gefangen in dem Traum. Einlieferung ins Krankenhaus mit dem neuen Virus, Atemnot. Das ist mir als Asthmatiker schon fast das ganze Leben über eine düstere Begleitung. Doch ein weiterer, gleichaltriger Patient wird eingewiesen – ohne Vorerkrankung. Nur noch ein rettendes Beatmungsgerät ist verfügbar. Mein Todesurteil. Es dauerte einige Zeit, diese Gedanken abzustreifen.

Inzwischen bin ich entspannter geworden, doch das dauerte Monate. Bis nach den ersten beiden Impfungen. Und am 18.12.21 habe ich auch die Boosterimpfung erhalten; von meinem Hausarzt und dessen tollem Team. Auch das befreit mich innerlich wieder einen Schritt. Trotzdem bleibe ich möglichst auf Distanz. Rückzug. Aber auch nach so vielen nervigen Monaten der Pandemie erschrecke ich mich immer wieder über das Verhalten vieler Menschen. Die keinen Abstand einhalten, am Markt drängeln, ihren Kopf fast auf meine Schulter legen „Ich will doch nur mal schauen…..“. Abstand ist für mich gleich Anstand. Zum Glück muss ich nicht wegen dem Homeoffice nicht mit dem Zug nach Frankfurt. Auch das erleichtert mich sehr.

Das erspart mir etliches an Fahrtzeit, zweieinhalb Stunden am Tag; sofern die Züge pünktlich sind. Im Monat sind das locker 50 Stunden geschenkte Lebenszeit. Wie diese Zeit investieren? Lauftraining ist angesagt. Ab April letzten Jahres, nach ein paar Infekten der Bronchien. Dann Mitte des Jahres endlich auch wieder ein organisierter Lauf, in Wiesbaden. Der „midsummer run“, einige Schleifen durch den Kurpark in Wiesbaden. Vorbei an den hohen majestätischen Bäumen, vorbei an etlichen gut gepflegten Blumenbeeten und mehrere Umrundungen des kleinen Sees. Ein Halbmarathon bei drückender Hitze. Es war toll; Lust auf mehr. Besonders schön waren die ersten 10km. Auf dieser Strecke begleitete mich meine Tochter. Gute Gespräche beim gemeinsamen Laufen.

Ja, Lust auf mehr. Doch davor stand dann der Körper. Wegen der langen Schließung der Fitnessstudios Abbau von Muskelmasse am linken Knie. Knorpelschaden 2ten und 3ten Grades – der war zuvor über die Muskeln quasi gut abgepuffert. Doch nun: Lange Pause bis die Entzündung wieder aus dem Knie raus war. Große Freude bei mir, als die Info vom Fitnessstudio kam: Ich könnt wieder trainieren, wenn eine medizinische Indikation vorliegt. Ab zum Hausarzt, ein Attest für 5€ und ab zum Studio. Nach einigen Wochen gezieltem Krafttraining ein erster Lauftest. Freude durchpulste mich, vom Bauch bis in den Kopf und dann bis in die Beine: Keine Probleme! Super, jetzt geht es los! Und es ging gut weiter. Doch im Februar 21 lehrte mich das Leben, dass ich doch noch nicht alle medizinischen Fakultäten kenne. Eine ruckartige Bewegung mit dem Ergebnis: Anbruch einer Rippe. Wieder Pause und Untersuchungen. Hochgradige Osteoporose. Wieder Frust und kein Ende der Leidenszeit in Sicht. Doch eines erheiterte mich dann doch: Der Endokrinologe meinte ehrlich und einfühlsam, ich solle doch vielleicht mal darüber nachdenken, dass ich vielleicht etwas Krafttraining machen solle und auch mit Laufen anfangen solle. Herrlich, der Blick, als ich ihn frage, ob es nicht ausreicht, dass ich seit Jahren 2-3 mal die Woche Krafttraining mache und im Jahr so zwischen zwei- und dreitausend Kilometer laufe. Ich muss jetzt immer noch über seinen Blick schmunzeln. Nun gut, das Ergebnis der Untersuchungen: Gentechnischer Defekt. Das ist hinzunehmen. Es ist nicht zu ändern. Es gilt, einen guten Umgang damit zu finden. Und das geht! Nochmals musste ich allerdings durch ein tieferes Tal gehen – Medikamentenunverträglichkeit. Dann Umstellung auf Spritzen, alle halbe Jahre eine Spritze.

Und Biel 21? Ich war sehr unsicher und schwankte mit meinem Entschluss. Doch der Trainingsstand war für diese Strecke nicht ausreichend. Zögerlich war ich auch ob der mehrfachen Runden. Das hatte keinen Reiz für mich. Umso größer die Freude ich gelesen hatte, dass Biel 22 wieder in einer großen Schleife gelaufen wird. Am meisten freut mich, dass die letzten Kilometer wieder auf der Originalstrecke gelaufen werden. Ich liebe diesen Streckenabschnitt. Die letzten Male auf der geänderten Strecke, die waren bei weitem landschaftlich nicht so reizvoll; für mich.

Jetzt endlich gibt es wieder ein Ziel, auf das ich mich fokussieren kann: Das 12x finishen! Die letzten Monate, da war es schwer, mich in all den belastenden Begebenheiten meinen Willen auszurichten. Doch nun sehe ich Licht am Horizont. Das Ende der Zwischenzeit.

 

Die Folgen 1 - 16 sind unter folgendem Link abrufbar: https://laufreport.de/bericht/0921/biel2/biel_s.htm

Rüdiger Schaller, 21.12.2021

 

p.s.: ich bin meinem Arbeitgeber sehr dankbar. Ab Juli 2020 gibt es eine Betriebsvereinbarung „Mobiles Arbeiten“. Ohne Ober- oder Untergrenzen. Und bislang haben meine Führungskräfte es so gelebt, dass auf die Ergebnisse und nicht auf Anwesenheit geschaut wird. Auch das ist für mich erleichternd.

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